Der Schriftsteller Kurt Oesterle liest vor

Oktober 21, 2009 by JanRenz · Leave a Comment 

Ein fesselnder Vorleser

Ab und zu liest seinem Lehrer vor, der allerdings nichts mehr versteht, weil er unter unheilbarer Demenz leidet. Der greise Gelehrte begreift keine Wörter mehr, wohl aber reagiert er auf Rhythmus und Melodie der Sätze. Von diesen Lesungen Kurt Oesterles erzählt am Ende ihrer gerade erschienen „Unvollständigen Erinnerungen“: „Der Duktus des Vorgelesenen, der Rhythmus der Sprache scheint Assoziationen zu wecken, vor allem dann, wenn nicht ich, sondern sein einstiger Schüler ihm vorliest. Dann hört er häufig intensiv zu.“
Dass Oesterle ein fesselnder Vorleser ist, konnte man auch in Weil im Schönbuch erfahren, wo er am Freitag sehr deutlich und lebendig Szenen aus zweien seiner Romane vortrug. Es war leicht, ihm zu folgen, denn Oesterle hat nicht nur etwas zu erzählen, er kann es auch. Er hätte er noch andere Romane vom Kaliber seines „Fernsehgastes“ vorgelegt, er zählte zu den wichtigen deutschsprachigen Autoren. 1955 in Oberrot geboren, studierte er in Tübingen Germanistik, Philosophie und Geschichte und promovierte bei . Über Uhland und Schiller hat er Essays veröffentlicht, Monographien zu Wolfgang Koeppen und Peter Weiss. Für Marcel Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“ liefert er gelegentlich Gedichtinterpretationen. Oesterle beschränkt sich aber nicht auf Erzählerisches und Kritisches. Seine Dokumentation „Stammheim. Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck“ sorgte vor einigen Jahren für Aufsehen.
Oesterles Stärke ist das Erzählen. In Weil im Schönbuch stellte der Autor zwei Helden vor, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der eine lebt in einem abgelegenen Dorf und ist süchtig nach den Bildern des Fernsehers (”Der Fernsehgast”), der andere denkt sehnsüchtig an Dresden, das ihm nicht mehr zugänglich ist, weil er aus der DDR geflohen ist. Was der eine im Überfluss besitzt, vermisst der andere schmerzlich: Heimat. Dieses Motiv verbindet beide Romane, der zweite ist noch gar nicht erschienen. Auf Heimat versteht sich der Autor, sie will er durchsichtig machen. Im Roman “Der Fernsehgast” vermisst er sie eindrucksvoll. In Weil plauderte Oesterle über seine Ursprünge: Er kommt nicht nur aus der Provinz, sondern auch vom Journalismus her. Seine Geschichten sollen verständlich sein.
Dass sie außerdem auch amüsant sind, zeigten die Reaktionen der rund 40 Zuhörer im Bürgersaal. Es wurde viel geschmunzelt. Am Ende der Veranstaltung wurde Oesterle mit Fragen überschüttet, und bei den ausführlichen Antworten verfiel der Schriftsteller, der zuvor in makellosem Hochdeutsch gelesen hatte, in ein breites Schwäbisch. Natürlich wollten viele Besucher wissen, wie autobiographisch die vorgestellten Romane sind. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: So genau kann man diese kleinen Welten nur beschreiben, wenn man sie gut kennt, wenn man sie erlebt hat.

Der gute Mensch von Tübingen: Zu Walter Jens

Juni 27, 2009 by JanRenz · Leave a Comment 

Ein großer Geist

Ende 2006 stellte in Waldenbuch ihr neues Buch vor, das sie zusammen mit ihrem Mann verfasst hatte: „Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn“. Es handelte sich dabei um ein Porträt des Bruders von , der Ehefrau des Romanciers. In Waldenbuchs Stadtbücherei war ohne ihren Partner erschienen. Heute wissen wir warum: Schon damals litt , der große Gelehrte, Schriftsteller und Rhetor, an unheilbarer Demenz.
Read more

Inge Jens und ihre Bücher

November 29, 2006 by JanRenz · Leave a Comment 

„WIR WOLLEN SIE FÜR BÜCHER BEGEISTERN“

Ein Morgen unter Büchern: in der Stadtbibliothek Waldenbuch ragen die Literaturregale auf, die grau gekleidete Tübinger Schriftstellerin sitzt entspannt im roten Sessel und plaudert über ihr neues Buch: „Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn“. Read more