Goethe&Schiller: Rüdiger Safranski über eine Freundschaft

November 2, 2009 by JanRenz 

Geisteshelle und Sprachschärfe

Sindelfingen – Lange sah es nicht nach Freundschaft aus. War es überhaupt eine? „Es war eine Freundschaft“, sagte bei seiner Lesung in Sindelfingen, „aber eine ganz besondere.“ Gemeint ist die Freundschaft zwischen Schiller und Goethe, den Dichterfürsten, die gerade in der Beziehung zueinander so menschliche Züge zeigen: Der eine beäugt den anderen voller Skepsis und Distanz, Hass mischt sich mit Bewunderung, dann kommen sie sich vorsichtig näher, werden einander wichtiger und wichtiger und schließlich unersetzlich. Eines Tages wird sogar von „Liebe“ die Rede sein. Der eine profitiert vom anderen: menschlich und künstlerisch. Das hält sie zusammen. Bis heute.
Mit dieser spannungsvollen Verbindung beschäftigt sich Safranskis neuestes Werk „Goethe&Schiller. Geschichte einer Freundschaft“, das der preisgekrönte, in 19 Sprachen übersetzte Publizist in Sindelfingen einem großen Publikum vorstellte. Safranski las kurze Passagen vor, vor allem aber plauderte er über die Hauptmotive seines 350-Seiten-Opus. Er beginnt (wie sein Buch auch) mit dem ersten Aufeinandertreffen seiner Helden 1779 in Stuttgart: Goethe ist ein Starautor, Schiller ein namenloser Karlsschüler, der zu dem Älteren aufblickt. Wahrscheinlich leidet er darunter, dass er dem Berühmten nicht auffällt.
Im Sommer 1788 begegnen die beiden einander dann auf Augenhöhe. Das ist alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Schiller schreibt in einem Brief: „Ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden.“ Und etwas später: „Öfters um Goethe zu sein, würde mich unglücklich machen.“ Er sei ein „Egoist in ungewöhnlichem Grade“. Daraus wird dann, mit den Jahren, das Glück der Freundschaft.
Deren Ausgangspunkt ist die Begegnung im Jahr 1794. Schiller sucht prominente Mitarbeiter für seine Zeitschrift „“, er fragt bei Goethe an und hat Glück. Der denkt nicht nur an das Wohl des anderen. Bei ihm ist einiges „ins Stocken geraten“, er leidet unter seiner Unproduktivität, hofft auf Inspiration. Daher die Zusage für die Mitarbeit an Schillers Zeitschrift. Im Juli 1794 führen Goethe und Schiller ein darauf bezugnehmendes Gespräch, das beide anregt. Ein Briefwechsel kommt in Gang, in dem Schiller den Älteren einfühlsam porträtiert, der ist beeindruckt. „Jetzt geht es unheimlich schnell“, kommentierte Safranski.
Die intensive Kooperation beider Autoren machte Safranski anschaulich, indem er von der gemeinsamen Arbeit am Roman „“ berichtete: Goethe erzählt, Schiller verbessert. Für Schillers Unbehagen an Goethes Meister-Figur hat Safranski eine simple Erklärung: , dem alles mit Leichtigkeit gelingt, der sich nicht mühen muss, sei Goethe so ähnlich. Schiller dagegen muss beständig den Willen aufs äußerste anspannen. Safranski ist ein Meister der Zuspitzung, der Pointierung. Er arbeitet mit griffigen Gegensätzen: hier das Naturkind Goethe, dort der Kopfmensch Schiller, hier der Götterliebling, dem alles zufällt, dort der verbissene Arbeiter, der um jeden Satz kämpfen muss. Goethe lebt in der Welt, Schiller zwischen Papier. Schiller ist der Denker, Goethe der Lebendige. Diese Polarität, diese Gegensätze, so Safranski in Sindelfingen, seien „ganz früh da“. Safranski nun erzählt, wie sie überbrückt werden (und immer wieder aufbrechen). Am Ende denken die beiden Dichterfürsten nicht mehr nur an sich selbst und das eigene Werk: Goethe kümmert sich um den schwer kranken Freund, versucht ihn aufzumuntern, anzuregen. Der reagiert mit erstaunlicher Produktivität. Schiller finde immer wieder „Sätze von beispielloser Prägnanz“, schwärmte Safranski. Das ist auch seine eigene Stärke. Safranski rühmte den „erzählenden, klaren Ton“ von Schillers Balladen. Das zeichnet auch Safranskis zahlreiche Bücher aus. Während seiner Lesung sprach er eher zögerlich und nüchtern. Safranski, der Buchautor, ist dagegen ein hochkarätiger Erzähler, wie man an der Beschreibung einer Schlittschuhfahrt Goethes und einem Porträt des ausgezehrten Schillers sehen konnte, die der Publizist sich für das Ende aufhob. Hier konnte man ihm leichter folgen als in den Wilhelm-Meister-Passagen. In seinem neuesten Buch lässt Safranski vor allem seine Helden sprechen, deren Geisteshelle und Sprachschärfe einzigartig ist. Safranski fragte sich in Sindelfingen nicht nur, wie es zu dieser Freundschaft kommen konnte, sondern auch, was sie für beide bedeutete, und beschloss seine Lesung mit dem Gedanken: „Die Freundschaft war für beide auch eine Gestaltungsaufgabe.“ Sie ist so vielschichtig wie die beiden Protagonisten selber. Deshalb sollte man Safranskis Buch lesen.

Kommentare

Ihre Meinung dazu: