Kurt Oesterles Roman über die Macht der Bilder

Oktober 21, 2009 by JanRenz 

Die Macht der Bilder

Weil im Schönbuch – Was für andere die Bücher sind, ist für diesen Bub der Fernseher: Er ist süchtig nach seinen Bildern, er kann ohne sie nicht mehr sein, sie intensivieren sein Leben. Wie der Einzug des Fernsehens das Leben dieses Jungen verändert, schildert in seinem Roman „Der Fernsehgast“, den „ein Meisterstück“ nannte und den Oesterle am Freitag in Weil im Schönbuch vorstellte, vor einem kleinen interessierten Kreis. Er handelt mit der Macht der Worte von der Macht der Bilder, auf gewitzte Weise, die manchmal an erinnert. Amüsant ist bereits der erste Satz: „Meine Eltern glaubten, ich ginge zum Sportplatz.“ Sie irren sich gewaltig, der Sohnemann ist auf dem Weg zu Nachbarn, die einen Fernseher besitzen. Dieser Zauberkasten hat ihn in seiner Gewalt. Mit dem Einzug des Fernsehers beginnt in einem abgelegenen Tal eine neue Zeit, auch deshalb, weil es in seinem Gefolge weitere Neuerungen gibt: den Mähdrescher, die Melkmaschine und den Kühlschrank. Aus immer mehr Häusern klingelt ein Telefon. Der Roman spielt Anfang der 60er, ist 2002 erschienen und erhielt sogleich einen Literaturpreis. Die Frage ist nur: Warum nur einen? Das schmale Buch ist ein welthaltiger Roman, obwohl er nur eine kleine Welt und die Macht des Fernsehens schildert. Ähnlich wie Martin Walsers Roman „Ein springender Brunnen“ beschränkt er sich auf einen Winkel. Und gerade diese Beschränkung ist seine Stärke. Hellhörig, manchmal spielerisch arbeitet der Autor mit der Sprache und fängt Konkretes ein: Einmal kann man den Most riechen, ein andermal die Stille hören. Still war´s auch im Bürgersaal, es wurde konzentriert zugehört.
„Ich bin interessiert an Heimatbüchern“, sagte der Schriftsteller bei seiner Lesung. Er ist aber das Gegenteil eines Heimatdichters. Der Heimatdichter verklärt sein Welt, Oesterle erklärt sie, etwa in einer Episode, die sich einprägte: „Nach Unglückstagen wie dem, der Bauer Brock den Tod gebracht hatte, stockte das Leben im Dorf. Eine sonderbare Stimmung griff um sich. … Kurzzeitig schien man füreinander erwacht.“ Plötzlich achtet man aufeinander. Bald aber kehrt der Alltag zurück. Und man lebt wieder nebeneinander her.
Oesterle, das wurde in Weil im Schönbuch deutlich, will Geschichte dokumentieren, indem er kleine Geschichten erzählt, etwa vom Vater und Großvater des Fernsehgastes, die ihr Dorf nur verließen, um in den Krieg zu ziehen. Oesterle erzählt von Umbruchszeiten.
Das tut er auch in einem neuen Roman, an dem er seit einiger Zeit arbeitet, „frustrierend langsam“, wie er gesteht. Er ist noch nicht veröffentlicht und soll den Titel „“ tragen. Einen Ausschnitt daraus trug Oesterle im zweiten Teil des Abends vor. Das Milieu sei das gleiche, die Geschichte eine andere. „Ich hoffe, der Schock trifft sie nicht zu hart.“ Der Ich-Erzähler ist ein Einzelkind (wie sein Erfinder auch) und sehnt sich nach einem Bruder. Im Mittelpunkt der präsentierten Episode steht der Lehrer Randolf Schumann, der aus der DDR in den Westen geflüchtet ist. Sein Unglück ist der Heimatverlust. Wenn in der Schule der Limes behandelt wird, denkt er an die Mauer. „Man hielt ihn für einen Schwärmer und Spinner.“ Die Szene spielt kurz nach dem Bau der Mauer. Der Ton ist ironischer und schärfer als im „Fernsehgast“, es häufen sich knappe Zuspitzungen: „Wir waren 23 Schüler, unser Lehrer war allein.“ Bewusst arbeitet der Erzähler mit Sprüngen und Brüchen. „Erst von heute aus sehe ich seine Lage“, heißt es über den Lehrer. An ihm kristallisiert sich die Problematik der deutschen Teilung, das ist vielleicht etwas zu sinnfällig.
Im Anschluss an die Lesung durften Fragen gestellt werden, und davon machte das Auditorium regen Gebrauch. Was er im Kopf habe, wenn er anfange zu schreiben?, war die mehrfach, etwas ehrfürchtig gestellte Frage. „Beim Fernsehgast habe ich einige Dinge gewusst, aber mich überraschen lassen.“ Bei seinem aktuellen Roman habe er die Geschichte unterschätzt, er arbeite derzeit an der dritten Fassung. Oesterle ist ein Autor, der viel nachdenkt und beim Schreiben Erfahrungen macht. Er sagt von sich: „Ich bin ein Autor, der mehr loslassen sollte.“

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