Ensemble amarchord: schillernde Stimmen

November 24, 2005 von JanRenz · Ihr Kommentar dazu 

Alles dreht sich

Waldenbuch – „Wenn ich hellen Rotwein trinke, Freunde, dreht sich bei mir alles.“ So kann es einem gehen. Diese Feststellung stammt aus dem Jahr 1530 und ist eine zeitlos gültige Wahrheit. Man ist überrascht, wenn man solchen Ausführungen zum Thema Alkohol in einem Klassikkonzert begegnet. In Waldenbuchs St. Veit wurde das Renaissance-Chanson vom „“ präsentiert. Es wurde so schmissig gesungen, dass sich auch im Zuhörer-Kopf alles drehte. Das gelingt nur, wenn man so gut ist wie das junge Ensemble. Die Herren in blauen Anzügen und roten Krawatten sangen berauschend, nicht nur, wenn es um die Wirkungen des Weins ging. Warum? Weil jeder der Fünf eine attraktive, schillernde Stimme besitzt, ausgewogen in jeder Lage, lupenrein in der Höhe und satt in der Tiefe. Warm und voll war der Gesamtklang der Stimmen. Ihren abwechslungsreichen Texten hauchten sie Leben ein. Glücklicher Weise waren die Texte abgedruckt, so dass man mitlesen konnte.
„Wie kommt ein Vokalensemble aus der großen Musikstadt Leipzig in die kleine Musikstadt Waldenbuch?“ fragte eine junge Dame von der evangelischen Kirchengemeinde zu Anfang des Konzerts. Die Antwort: Sie war im Urlaub zufälligerweise den kühlen Gesängen des Quintetts begegnet und hatte sofort Feuer gefangen. So gewann sie das Ensemble für ein Konzert in Waldenbuch. Und die Sänger gewannen in Waldenbuch ihr Publikum.
90 Minuten mit nur fünf Sängern, ist das nicht langweilig? Nein, überhaupt nicht. Die fünf Sänger aus der großen Musikstadt präsentierten in Waldenbuch Musik aus entlegenen Epochen, die man selten hört. Mit stiller geistlicher Musik begann der Abend. Es war eine Musik ohne Effekt und Affekt, ganz schlicht und ergreifend. Für eine Stunde kam man zur Ruhe, die Klänge waren asketisch. Die Musik enthält aber auch glühende Beschwörungen. Bei Poulenc heißt es etwa: „Herr, ich bitte dich, dass die brennende und süße Kraft deiner Liebe meine Seele aufnehme…“ Lieber war dem Hörer die brennende Kraft des Gesangs.
Das Wein-Zitat zeigt es: Dieses Konzert verlief nicht bierernst: Zu entdecken war, mit wieviel Witz Renaissance-Komponisten ihre Texte vertonten. Das Vokalquintett aus Leipzig ist mehr als ein Geheimtipp: Die fünf Herren des Ensembles waren Mitglieder des Leipziger Thomanerchores. 2002 gewann das Ensemble den renommierten Deutschen Musikwettbewerb. Der erste Konzertteil enthielt geistliche Gesänge, der zweite Amüsantes aus aller Welt.
Das letzte Stück handelte von der Ernüchterung nach dem Karneval. Kein Wein mehr also. Das schönste Stück des Konzerts brachte Gefühlsräusche zur Sprache: Camille Saint-Saens „“ war reich an Atmosphäre. Es endet im Geiste des Romanciers Vladimir Nabokov: „Für zweierlei glüht unser Herz: für die Damen und die Poesie.“ Schon nach dem ersten Konzertteil wollte der Applaus nicht enden. In der Pause wurden die Musiker ihre CDs los. „Wir kommen gerne wieder“, sagten die Sänger vor der ersten Zugabe, die zugleich die letzte war, und erhielten viel Beifall. Erstaunlich, auf welchem Niveau sich die Konzertreihe in St. Veit Monat für Monat bewegt. Die junge Dame hatte recht: Waldenbuch ist wirklich eine kleine Musikstadt.
JAN RENZ

Mendelssohns “Paulus” in der Stiftskirche Herrenberg

November 21, 2005 von JanRenz · Ihr Kommentar dazu 

Welche eine Tiefe des Reichtums!“

Herrenberg – arbeitete gerne mit Zitaten. In die zweite und fünfte Sinfonie etwa bezieht er Themen ein, die er nicht erfunden, sondern gefunden hat. Nicht anders ist es im „Paulus“. Mit dem „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ setzt das Werk ein, später wird diese Musik wiederaufgenommen. Die Ouvertüre ist ein erster Höhepunkt.
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Jesse Davis in Deufringen: Jazz als Leidenschaft

November 5, 2005 von JanRenz · Ihr Kommentar dazu 

DER RICHTIGE JAZZ

Aidlingen – „Den richtigen Jazz konnten nur die Schwarzen spielen“, heißt es in Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“. Dass dies so nicht stimmt, erlebte man nun im Gewölbekeller des Deufringer Schlosses. Dort standen sich das Trio und der farbige Altsaxophonist gegenüber. Natürlich kann Davis den richtigen Jazz spielen, aber seine (deutschen) Mitstreiter können das auch, sie verblassen nicht neben ihm. Jeder der vier Akteure ist ein Jazzvirtuose, der ein Publikum in Bann schlagen kann. Mehr Lesen

Verdis “Rigoletto” in Böblingen

November 3, 2005 von JanRenz · Ihr Kommentar dazu 

Verdis Gilda als Lichtgestalt

Böblingen – Verdis Rigoletto führt ein Doppelleben: Er ist liebender Vater und deformierter Hofnarr. In der Begegnung mit seiner Tochter Gilda, die er in der Abgeschiedenheit aufwachsen lässt, gewinnt er menschliche Züge. Wenn die Flöte erklingt, verwandelt sich Rigoletto in ein humanes Wesen. Mehr Lesen